Ich habe Essen mit und fahr durch Brandenburg

Im Gegensatz zu dem mehr oder weniger bekannten Lied von Rainald Grebe, habe ich mir aus Berlin kein Essen mitgenommen, sondern es in Brandenburg bekommen. Genauer gesagt von meiner Großmutter. Das Bewusstsein, dass wir nicht mehr in der Nachkriegszeit leben und die Leute nicht mehr ausgehungert zu Familienfeiern fahren, will sich bei ihr noch nicht durchsetzen. Also fahre ich mit zwei Tupperbüchsen voll Essen mit der Regionalbahn von Senftenberg nach Berlin.

So ist das halt, wenn man als Berliner Student kein Auto braucht, manchmal ist man auf die Deutsche Bahn angewiesen. Wenigstens wurde ich bis zum Senftenberger Bahnhof gefahren, so dass mir eine Anreise mit dem Bus und einmal umsteigen erspart wurde.

Allerdings ist es in Senftenberg gar nicht so einfach den Bahnhof zu finden. Während sogar der Hafen (!) und die Polizeistation ausgeschildert sind, findet man das erste Schild an einem Wegweiser für Fußgänger 700 Meter vor dem Bahnhof. Wer hier wohnt, weiß wie er zur Bahn kommt, alle anderen kommen vermutlich sowieso mit dem Auto in die kleine Stadt am südlichsten Ende von Brandenburg.

Der Bahnhof selbst ist alles andere als ein Vorzeigeobjekt des ehemaligen Staatsbetriebs, spiegelt aber die Situation in Brandenburg recht gut wieder. Die Läden sind geschlossen, nur eine handvoll Menschen sitzt auf dem Gleis, hauptsächlich Jugendliche mit Zigarette und Bierflasche. Es ist Dienstag Abend, der Zug nach Berlin geht 20:04 Uhr. Fahrpreis der Deutschen Bahn, für eine einfache Fahrt: 15€

Ich bezahle vorsichtshalber passend und denke mit Wehmut daran, dass eine Mitfahrgelegenheit nach Köln 30€ kosten würde. Auf dem Hinweg habe ich sogar eine Mitfahrgelegenheit bis ins Nachbardorf meiner Großeltern gefunden. Fahrpreis 7€, eigentlich nur 6€ da der Fahrer nicht wechseln konnte. Dafür fuhr er mich bis zwei Kilometer vor das Ziel. Bis Senftenberg waren es mehr als zehn. Allerdings sind Mitfahrgelegenheiten in diesem Teil Brandenburgs eher selten.

Nach dem üblichen Kampf mit dem Automaten habe ich dann sogar eine Fahrkarte. Der Automat reagiert träge und ich brauche mehrere Anläufe um ganze zwei Buchstaben einzutippen. In Zeiten von Tablet-PCs ist man eine Verzögerung von mehr als zwei Sekunden nicht mehr gewöhnt. Außerdem wartet die einzige andere Person in der Nähe hinter mir, was mich allgemein nervös macht, vermutlich so ein Berliner Reflex, denn der Zug fährt erst in zwanzig Minuten.

Ich entnehme die Fahrkarte und der Automat blinkt vor sich hin. Er erwartet, dass ich die Bearbeitung manuell beende. Da ich schon zwei Schritte weg war, drehe ich mich um und lange nach dem Bedienfeld „Bearbeitung beenden“. Der Automat hört auf zu blinken und zeigt, dass er für den nächsten Kunden bereit ist. Die junge Dame hinter mir in dem weißen Sommerkleid kichert und auch ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Auf dem Gleis steht der Zug schon bereit oder besser gesagt, er wartet auf die Rückfahrt, schließlich ist hier Endstation.

Ich drehe mir eine Zigarette und beobachte die Dorfjugend mit großen Plastetragetaschen und Jogginghosen, die ebenfalls eine rauchen und warten.

Irgendwann schwenkt die Anzeige von „Nicht einsteigen!“ auf „Nauen“. Die ersten Jugendlichen steigen ein. Ich rauche meine Zigarette zu Ende und suche mir einen Platz in der Mitte des Zuges. Die Anzahl der Fahrgäste lässt sich vermutlich an zwei Händen abzählen.

Zehn Minuten später setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Es ist einer von dieser neuen Baureihe der DB Regio AG. Von mir und anderen liebevoll „Schweinetransporter“ genannt, auf Grund seiner merkwürdigen Schnauze und flachen Bauart. Dafür hat er Strom und man hat mehr Kopffreiheit als in den alten Doppeldeckern.

Bevor man es bemerkt ist der Zug aus Senftenberg heraus gefahren. Auf der einen Seite Felder und Wälder, auf der anderen ein paar Einfamilienhäuser. Vor einem hängen drei Fahnen an einem Mast. Eine ist völlig verblichen, die andere ein Union Jack und eine Redneck-Flagge. Immer wenn ich die Redneck-Fahne in Deutschland sehe, frage ich mich warum Leute sich so etwas ans Haus hängen? Sind es nationalistische Gründe, soll es auf einen Motorradfahrer hinweisen oder wollen solche Menschen die Sklaverei zurück oder ist es einfach nur, weil sie es allgemein mit der Freiheit eines Outlaws verbinden? Wissen diese Leute über die Bedeutung der Fahne und weiß ich es überhaupt? Ich erinnere mich an das Buch der amerikanischen Soziologin Pitkin über Repräsentation und „symbolic representation“ und versuche mich wieder auf die Landschaft zu konzentrieren.

Nun geht es durch Wälder. Nadelbaumschonungen und Mischwälder unterbrochen von Lichtungen und Feldern. Der Zug wird langsamer, der erste Bahnhof ist erreicht. Namen wie Calau, Löschen, Seelitz Ost. Sie könnten auch auf sorbisch auf dem Schild stehen, verbinden tut man wenig mit ihnen, wenn man nicht dort her kommt oder Verwandte dort hat.

Der Bahnhof ist typisch für Brandenburger Dorfbahnhöfe, von Berlinern oft abschätzig als „Beleuchtete Mülltonne“ bezeichnet, wenn sie Sätze sagen wie: „Der Regio hält ja auch an jeder beleuchteten Mülltonne!“

Der Bahnsteig verwildert, das Bahnhofsgebäude verfallen und die Fenster vernagelt und mit ein paar Graffitti geschmückt. Die Videokamera scheint das neueste auf dem gesamten Bahnsteig zu sein. In Senftenberg war wenigstens noch das Gleis neu gemacht.

Tatsächlich steigt ein Jugendlicher aus und eine alte Frau ein, dann geht es weiter. Plötzlich steht der Zug mitten im Wald, keine Ansage kein Schild, kein Haus. Irgendwann kommt ein Zug aus der Gegenrichtung und man akzeptiert, dass die Gegend so abgeschieden ist, dass sich ein Gleis pro Fahrtrichtung wohl nicht gerechnet hätte.

Zwei Stationen später kommt die Schaffnerin in Sichtweite, eine Frau mittleren Alters, rotgefärbte Haare mit einem Schnitt der an die junge Angela Merkel erinnert. Schuldbewusst nehme ich die Füße von der hölzernen Armlehne der gegenüberliegenden Sitzreihe.

Sie kontrolliert meine Fahrkarte, knippst sie und geht weiter. Zwei Minuten später steht sie wieder vor mir und gibt mir freundlich zu verstehen, dass ich meine Kopfhörer rausnehmen soll. Sie fragt mich, wohin ich in Berlin möchte und erklärt mir fast entschuldigend, dass der Zug nur bis Berlin-Lichtenberg fährt. Ich wollte sowieso nur bis Schönefeld, bedanke mich aber und sie verschwindet.

Weiter geht die Fahrt, vorbei an einem Güterzug und ich versuche die Wagen zu zählen. Etwas zynisch überlege ich, dass dieser Zug wohl mehr Wagons hat, als ich bisher Menschen außerhalb des Zuges gesehen habe, seit er Senftenberg verlassen hat.

Einige Stationen später beschleunigt der Zug und die Häuser werden seltener. Ab und an ein paar Windräder oder Solaranlagen. Dazwischen immer wieder Wald, Felder und Straßen.

Plötzlich fahren wir an einer Schranke vorbei, ganze drei Autos warten davor. Die Häuser häufen sich und plötzlich ein größerer Bahnhof. Auf dem Schild steht Lübbenau, ein größerer Ort den man vom Namen her sogar kennt. Es sieht nett aus, gepflegt und anständig. Man kann sogar ahnen, dass hier viele Menschen leben, nur sehen tut man sie nicht.

Weiter geht die Fahrt und ich lese ein paar Stationen später schon wieder Lübbenau. Nein, ich hab mich verlesen, es ist Lübben dahinter der geografische Hinweis: (Spreewald)

Es gibt wohl mehr als ein Lübben, aber der Bahnhof ist ähnlich trostlos wie die vorherigen kleinen Orte.

Die Fahrt geht weiter und ich schaue noch immer auf einen komplett leeren Zug.

Am nächsten Bahnhof steigt eine junge Frau mit Fahrrad und Backpack-Rucksack ein. Der Haarschnitt sieht dem der Schaffnerin ähnlich dafür aber in künstlichem schwarz. Sie kommt auf mich zu und fragt mich mit einem eher sächsischen Akzent, ob die Schaffnerin schon vorbei gekommen wäre. Sie weiß nicht ob, man die Fahrkarten im Zug entwerten muss, wie in der Straßenbahn. Ich erkläre ihr, dass sie alles richtig gemacht hat, sie setzt sich irgendwo in die Mitte des Zuges.

Zwei Stationen später wird die Schaffnerin pflichtbewusst ihre Fahrkarte knippsen. Erst jetzt fallen mir die großen Augenringe und die roten Augen der Zugbegleiterin auf. Wahrnehmung kann sehr selektiv sein und manchmal kann ein zweiter Blick ein ganz anderes Bild vermitteln als der flüchtige erste.

Jetzt kommen wir an einem Bahnhof vorbei, der aus der Menge heraus sticht, Lübholz (oder so ähnlich). Er sieht neu aus. Kein Bahnhofshaus mit eingeschlagenen Scheiben, keine verwilderten Schienen. Dafür ein neuer Metallzaun und dahinter Felder. Auf der anderen Seite, kann man zwischen zwei Meter hohen Konifeeren einen Blick auf neue Einfamilienhäuser erhaschen. Standardbauweise, englischer Rase und Pool, wie aus dem Katalog von „Town & Country Houses“.

Etwas später große Straßenlaternen auf einem Weg vor dem Wald und weit und breit kein Haus in Sicht.

Wir erreichen Oderin, schöner Name für einen Ort. An der winzigen Schranke ein Auto und eine Fahrradfahrerin, daneben ein paar Schafe auf einer Weide und wieder Wald. Auf den Lichtungen blühen irgendwelche Blumen. Keine Ahnung welche ich bin froh, dass ich Gänseblümchen von Löwenzahn unterscheiden kann.

So langsam füllt sich der Zug. Im Spiegelbild der Fenster sehe ich Menschen und hinter mir reden irgendwelche Jugendlichen sehr angeregt über irgendwas. Nur ab und an verstehe ich ein Wort zwischen dem Gebrüll von Bela B und Farin U aus meinen Kopfhörern, trotzdem war die Ruhe vorher entspannender.

Wir erreichen Halbe, eine Stadt die hauptsächlich negativ im Bewusstsein der Berliner steht. Ich sehe aber weder Nazis am Bahnhof noch welche zusteigen und schon sind wir auch wieder weg. Dabei fällt mir ein, dass ich heute Abend noch durch Schöneweide muss. Kein schöner Gedanke.

Wir erreichen Groß Köris und irgendwie passen meine vagen Erinnerungen nicht mit dem Bahnhof zusammen. Ich glaube mich zu erinnern, hier mal im Ferienlager oder so etwas gewesen zu sein. Der Bahnhof eher Durchschnitt mit einer Tankstelle und einer notdürftig geflickten Straße im Hintergrund. Auf der anderen Seite das übliche Bahnwärterhäuschen. Irgendwer hat mit schwarzer Schrift „Fuck Antifa“ darauf gesprüht. Mir kommt eine Anekdote aus Stralsund in Erinnerung. Damals hatte man unsere Fahrräder auf dem Gelände der Jugendherberge demoliert. Die Polizei sagte uns später, dass das keine Jugendlichen aus dem Ort gewesen sein könnten, denn die würden so etwas ja nicht tun. Das klingt auf Grund der Lage der Jugendherberge Stralsund Demmin (sechs Kilometer außerhalb von Stralsund) natürlich sehr überzeugend. Dass all dem ein kleiner verbaler Schlagabtausch vorausgegangen war, der durchaus als politisch eingestuft werden konnte, hatten wir der Polizei lieber verschwiegen. Brandenburg ist halt nicht das einzige Bundesland mit einem Rechtsextremismusproblem und wenn man als linksalternativer Teenager in Mecklenburg Urlaub macht, sollte man sich eben nicht wundern, wenn man ein paar Probleme bekommt. Aber Mecklenburg-Vorpommern ist noch einmal ein ganz anderes Thema.

Die Sonne ist untergegangen und wir erreichen Bestensee. Das klingt positiv, ein wenig nach Elite und tatsächlich gibt es ein paar schöne Häuser und direkt neben dem Aldi steht sogar ein REWE. Ist das der Aufschwung, die Wahl zwischen REWE und Aldi?

Inzwischen ist der Mond sichtbar und hinter Zeesen beginnt der Berliner Speckgürtel. Grell beleuchtete Autohäuser reihen sich an Wellblechgebäude, größere Mehrfamilienhäuser tauchen auf und eine Stimme vom Band verkündet die baldige Ankunft in Königs Wusterhausen und weist auf aktuelle Baumaßnahmen hin.

Königs Wusterhausen das kulturelle Zentrums des Speckgürtels, für alle Brandenburger die Berlin nicht leiden können und für die Potsdam auf der falschen Seite von Berlin liegt.

Allein die Tatsache, dass die Geschäfte am Bahnhof noch existieren und nach 21 Uhr noch geöffnet haben, vermittelt einen Hauch von Großstadt. KW, wie es von den Berlinern die mit dem Ort etwas anfangen können, auch gern genannt wird, hat sogar ein waschechtes Wahrzeichen: Den Funkturm und die alte Sendeanlage.

Bestimmt ist auch schon so mancher Fahrgast der S-Bahn ist in diesem netten kleinen Ort von einem Bahnmitarbeiter geweckt worden oder musste feststellen, dass es zwar Ringbahn heißt, sie jedoch selten wirklich einen vollen Kreis fährt.

Nächste Station Schönefeld, hier muss ich raus … nochmal schnell die Toilette aufsuchen. Scheinbar war ich nicht der einzige, der die Idee hatte, aber ich komme noch in den Genuss einer ungereinigten Bahntoilette, dafür sind sie inzwischen behindertengerecht.

Es ist eine Minute vor zehn als wir in Schönefeld einrollen. Hinter den Güterwaggons auf dem Nachbargleis ist der letzte Rotschimmer des Sonnenuntergangs zu erahnen. Dank der Anzeige für Anschlusszüge habe ich die Hoffnung auf die nächste Ringbahn abgeschrieben und gehe erst einmal eine Rauchen. Ein ziemlich müde aussehender Mitarbeiter der Post gesellt sich hinzu. Er wirkt unruhig. Neben den Bänken stehen drei leere Bierflaschen. Ich überlege mir, wie lange sie da wohl stehen werden, bis das nächste Pfandhörnchen, wie wir Berliner inzwischen liebevoll die Flaschensammler nennen, sie aufliest.

Nach der Kippe auf zur S-Bahn, im Tunnel unter dem Bahnhof das gewohnte Bild. Ein paar Dutzend Touristen mit großen Koffern kämpfen mit den Fahrkartenautomaten. Man erkennt Touristen immer sehr gut daran, dass sie lange Schlangen im Tunnel bilden, weil sie nicht wissen, dass auf dem Bahnsteig weitere Automaten stehen, an denen steht so gut wie nie jemand.

Die Pankower Bahn steht schon bereit, Abfahrtszeit in 9 Minuten. Drinnen dreht das Reinigungspersonal seine Runde und vergisst einen Getränkekarton direkt vor der Tür. Einer der beiden Putzkräfte hat eine Bierflasche in der hinteren Hosentasche. Erst überlege ich, ob er wohl im Dienst trinkt, entdecke dann aber in der anderen eine weitere. Mal was neues Pfandhörnchen mit Uniform. Ob sie das Pfandgeld abrechnen müssen?

In der Bahn relativ wenige Leute, dafür sind die beiden Damen mit den großen Koffern drei Reihen weiter laut genug für zehn. Inzwischen ist mir das egal, ich bin auf Bad Religion umgestiegen, da stört nicht einmal ein startendes Flugzeug. Wobei wir beim Reizthema Flughafen wären. Aber wenigstens bei dem Thema halten Berlin und Brandenburg gezwungener Maßen zusammen, wobei Berlin bundesweit wohl den meisten Spott abbekommt. Ich muss wieder daran denken, dass die Deutsche Bahn einmal am Tag einen leeren Zug zum noch unfertigen Flughafen fahren lassen muss. Damit die Luft im Tunnel bewegt wird, Deutsche Ingenieurskunst in Höchstform.

Immerhin in einer halben Stunde bin ich zu Hause, dann habe ich für etwa 120 Kilometer ganze zweieinhalb Stunden gebraucht und 15€ bezahlt. Zum Vergleich bin ich neulich nach Köln gefahren, über 600 Kilometer in fünfeinhalb Stunden für 30€.

Aber wie ich heute schon bei mehreren Gelegenheiten festgestellt habe, wenn die Brandenburger eines haben, dann ist es Geduld. Eine Tugend die dem Stadtmenschen häufig fehlt und das ist doch auch schonmal etwas, wenn vielleicht auch kein geschäftsträchtiger Standortvorteil.

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