Behinderung als Werbeträger

Als Mensch der familiär wie arbeitstechnisch mit behinderten Menschen zu tun hat, bin ich ja so einiges an Vorurteilen und behindertenfeindlichem Verhalten gewohnt. Besonders schockiert war ich aber, als ich Mitte September von einer Werbekampagne der A&O Hostels hörte.

Mit den Webseiten http://www.autistvz.de und http://www.autistbook.com warben sie für mehr reale Kontakte und Aktivitäten. Das ist von der Idee her kein schlechter Ansatz. Auch gegen virales Marketing ist ja im allgemeinen nichts auszusetzen. Schlimm finde ich in diesem Zusammenhang nur, dass hier der Autismus als Werbeträger verwendet wird und damit Vorurteile vertieft und neu geprägt werden. Um allein auf die Tatsache der zunehmenden Verlagerung zwischenmenschlicher Beziehugnen ins Web 2.0 hinzuweisen, hätte es auch ein anderer Titel getan. Ein Beispiel dafür ist ganz klassisch http://www.alleinr.de.

Inzwischen hat A&O die Kampagne wohl abgeschaltet, dann man gelangt über die oben genannten Adressen nur noch auf die Filiale in Prag. Doch bevor die Seiten abgeschaltet wurden, versuchte ich etwas gegen diese geschmacklose Form der Werbung zu unternehmen.

Nun mag der eine oder andere fragen, was mich daran so stört, es sei ja nur spaßig gemeint und keine Beleidigung. Ich finde es faszinierend, dass man dieses Argument auch bei den zahlreichen Diskussionen im Netz immer wieder findet (sofern sich mal jemand Kritik erlaubt). Doch ist es nicht verwunderlich, dass es immer wieder Sozialwissenschaftler und andere „Weltverbesserer“ gibt, die bei jedem Satz, der nicht „ge-Gendert“ wird auf die Palme springen und hier kaum Gegenwehr kommt?

Im letzten Semester wurde zu den Studentenprotesten ein 15minütiges Referat darüber gehalten, dass ein Professor das Wort „Negerkuss“ statt „Schaumkuss“ für eine Süßigkeit verwendet hat. Wo sind solche Leute, wenn es um Fälle wie den hier geht?

Doch es scheint, dass nur wenige meine Meinung zu diesem Thema teilen. Während auf meine Mails an die Behindertenbeauftragten des Bundes und des Landes Berlin bis heute keine Antwort eingetroffen ist, erhielt ich wenigstens vom Deutschen Werberat eine Antwort auf meine Beschwerde, in der mir mitgeteilt wurde, dass dieser keine Veranlassung zum Eingreifen sieht, auch wenn es sich um schlechten Geschmack handeln mag. Hier den Brief im Original:

Sehr geehrter Herr ****,

wir beziehen uns auf Ihre Beschwerde vom 17. September und unseren
Zwischenbescheid vom 22. September 2009.
Nach Eingang der Stellungnahme des werbenden Unternehmens haben wir die
Angelegenheit den Mitgliedern des Deutschen Werberats zur Beurteilung
vorgelegt. Diese sind zu der Auffassung gelangt, dass die absurde Idee einer
sozialen Netzgemeinschaft, bei der man gerade keine Kontakte knüpfen könne,
so überzogen sei, dass in der Bezeichnung „AutistVZ“ keine reale
Diskriminierung vorliege. Es werde dem Betrachter offensichtlich, dass hier
die Bezeichnung „Autist“ nicht im Sinne des Krankheitsbildes Autismus, das
ja auch breitgefächert und vielschichtig ist, verwendet wird, sondern als
ein umgangssprachlicher Begriff für Menschen, die in ihrer eigenen Welt
leben. Insgesamt könne man zwar unter Geschmacksgesichtspunkten über diese
werbliche Maßnahme geteilter Meinung sein, der Werberat sehe sich aber
außerstande, in Geschmacksfragen verbindliche Maßstäbe aufzuzeigen und als
„Hüter des vermeintlich guten Geschmacks“ aufzutreten. Schließlich ließen
sich allgemein gültige Bewertungsmaßstäbe, die für eine rationale und
überzeugende Beurteilung in dieser Hinsicht
heranzuziehen wären, nicht auffinden, weshalb auch in unserer Gesellschaft
durchaus unterschiedliche Geschmacksvorstellungen verbreitet seien. Dies
gelte gerade im Hinblick auf übertriebene und ironische Darstellungen
aktueller gesellschaftlicher Phänomene. Deshalb sei eine Beanstandung allein
aus einer geschmacklichen Bewertung heraus nicht nachvollziehbar. Aus diesen
Gründen sieht der Werberat von einer Beanstandung ab.

Mit freundlichen Grüßen
Katja von Heinegg

Deutscher Werberat
Postadresse: 10873 Berlin
Hausanschrift: Am Weidendamm 1 A, 10117 Berlin
Telefon: 030-59 00 99-700, Telefax: 030-59 00 99-722
Elektronische Post: werberat@werberat.de
Online: http://www.werberat.de

Was ich in diesem Zusammenhang nur nicht ganz verstehen kann (oder will). Es steht im Grundgesetz, dass Niemand auf Grund seiner Behinderung benachteiligt werden darf (Art. 3 GG) und Autismus ist offiziell eine Behinderung. Ist aber eine Werbung die mit Klischees einer Behinderung wirbt nicht eine Benachteiligung? Na ja vermutlich ist dies alles in der Grauzone der Meinungsfreiheit durchaus noch vertretbar, auch wenn es mir persönlich nicht gefällt, aber so zeigte mir dieser Vorfall, dass Beschwerden beim Deutschen Werberat ernst genommen und schnell bearbeitet werden und das ist doch auch etwas.

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